07.06.2023

In der Turnhalle ist es zwar kalt, dafür haben alle Kinder hier Platz. Heute gibt es ein Programm mit Spielen, Bewegung, einer Bibelgeschichte, Basteln, Malen und Stoffaffen als Geschenk für die Kinder aus der kleinen Stadt, die bis vor einiger Zeit noch von der russischen Armee besetzt war.
Angeleitet wird das Programm durch freiwillige Mitarbeitende von Vidguk, einem Verein der Holy Trinity Church aus dem etwas weiter südwestlich gelegenen Odessa. Vidguk unterhält diverse Projekte zur Unterstützung der ukrainischen Zivilbevölkerung. Das heutige Programm soll den Kindern wenigstens eine kurze Erholungspause bieten in dieser schweren Zeit, die geprägt ist durch den tiefen Umbruch im Land: Es gibt das Leben vor dem Krieg. Und es gibt das Jetzt. Vor dem Krieg wurde diese Turnhalle von der Schule benutzt. Jetzt gibt es nur noch Onlineunterricht. Vor dem Krieg lebten die Kinder nahe bei Familie und Freunden. Jetzt sind viele von ihnen geflohen, an der Front oder getötet. Vor dem Krieg war das Leben in der ländlichen Region karg. Jetzt fehlt es an allem, Infrastruktur und Zuhause sind teilweise zerstört oder beschädigt.

Mit dabei im Freiwilligen-Team ist auch Dasha. Vor dem Krieg besuchte Dasha erst seit kurzem die Holy Trinity Church. Aufgewachsen in einer dem Glauben gegenüber kritisch eingestellten Familie wird sie als Teenagerin von einer Freundin in deren Kirche eingeladen. Doch Dasha zieht es in die grosse weite Welt: Sie absolviert die Ausbildung zur Flötistin und arbeitet zwei Jahre als Musikerin in Indien. Dasha gewöhnt sich an scharfes Essen und kauft sich exotischen Schmuck. Es eröffnet sich ein neuer und interkultureller Alltag, bis sie schlussendlich Anfang 2022 zurück nach Odessa zieht. Während eines Gottesdienstes in der Holy Trinity Church begegnet ihr Gott in einer für sie bisher unbekannten Weise. Sie erlebt eine Liebe und Annahme, auf die sie nicht mehr verzichten möchte. Dann bricht der Krieg aus und Dasha flieht mit einem Teil ihrer Familie in den sichereren Westen der Ukraine.
Eine weitere Flucht nach Polen ist in Planung. Tief in ihrem Herzen zieht es Dasha nun jedoch zurück nach Odessa. Sie spürt, dass Gott sie ruft. Doch wozu? Ihre Familie versucht sie zu überzeugen, dass sie in der Ukraine nichts ausrichten könne. Doch als Dashas Pastor aus der Holy Trinity Church ihr erzählt, dass sie eine Hilfsarbeit unter Geflüchteten gestartet haben und freiwillige Mitarbeitende suchen, kehrt die junge Frau nach Odessa zurück.

Jetzt packt sie tatkräftig bei verschiedenen Projekten an, leitet die Jugendgruppe mit, hilft in der Administration rund um neue Gemeindebesucherinnen und -besucher, stellt hunderte von Hilfspaketen für geflüchtete Menschen aus dem Osten des Landes, die nun nach Odessa kommen, zusammen. Um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet sie online für ein Versandunternehmen. Herzstück ihres Alltags ist jedoch das freiwillige Engagement. Wer mit ihr spricht, spürt ihre Überzeugung, dass Gott gerade den Menschen in Not, den Geflüchteten, den Zurückgebliebenen in den zurückeroberten Gebieten Hilfe und Hoffnung schenken möchte. Und dafür möchte sie sich ihrerseits Gott zur Verfügung stellen. Für den heutigen Einsatz bei den Kindern in der Region um Cherson begleitet sie ein Vers aus dem Lukasevangelium:
… und [der Herr] schickte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, die er später selbst aufsuchen wollte.
Lukas 10, 1b

Mit dabei auf dem Einsatz ist ausserdem Dashas Freundin Lera. Sie besucht die Holy Trinity Church bereits als Kind mit ihrer Familie. Vor dem Krieg absolviert sie eine Ausbildung zur Englisch-Dolmetscherin. Ursprünglich will sie Kunst oder Psychologie studieren. Ihre Mutter redet es ihr jedoch aus: Damit lasse sich keine Arbeit finden. Der Ausbruch des Krieges bedeutet für Lera auch die Unterbrechung ihres Studiums. Sie bleibt in Odessa und hilft, Essen und Artikel für den täglichen Bedarf zu verteilen, zuerst an Gemeindemitglieder der Holy Trinity Church, dann an Geflüchtete. Vidguk wird gegründet.
Jetzt ist Lera in diverse Unternehmungen des Freiwilligenteams involviert. Die Schicksale und Geschichten der Menschen, denen sie in dieser Arbeit begegnet, berühren sie sehr. Lera sieht, dass diese Menschen mehr brauchen, als das Nötigste für das körperliche Wohl. Also beginnt sie sich in ihrer Freizeit in psychologische Fachliteratur einzulesen. Sie organisiert Material zum Malen und startet ein Kunsttherapiegruppen-Angebot. Lera gibt Ideen für Techniken und Motive zum Malen vor, dann entsteht ein Raum, in dem die Teilnehmenden diese Ideen individuell umsetzen können. Es ist auch immer wieder ein Raum, in dem Menschen plötzlich über Erlebtes reden können. Lera verspürt ein tiefes Bedürfnis, dazusein und ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger zu unterstützen. Auf ihr Engagement angesprochen meint sie, bei Kriegsbeginn nur drei Dinge bereut zu haben: dass sie nicht Autofahren gelernt und ein Auto erworben habe, um Hilfsgütern zu transportieren; dass sie keine medizinische Ausbildung absolviert habe, um medizinische Unterstützung zu bieten; und dass sie nicht verheiratet sei, um Kinder ohne Familie aufzunehmen. Ihren Bericht über Tätigkeiten von Vidguk seit Anfang 2023 schliesst sie mit dem folgenden Vers:
So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Matthäus 5, 16

Auch Dashas und Leras Leben sind durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine geprägt. Ihre Geschichten zeugen jedoch davon, dass Gott über diesen Einschnitt hinaus am Werk ist: Er beruft Menschen, gebraucht Gaben, die sie vielleicht schon längst zur Seite gelegt haben. Wer mit Dasha und Lera spricht, spürt, dass Gottes Liebe eine zentrale Motivation für ihren Einsatz ist. Im März waren die beiden eine Woche in Basel und ich hatte die Möglichkeit sie kennenzulernen. Die Unterstützung durch Christen aus anderen Ländern, etwa durch Spenden, Gebete, kleine Nachrichten, erleben sie als Ermutigung, dass sie nicht vergessen sind. Ihre Geschichte zeigt: Gerade durch ganz praktische Hilfe können wir Gottes Liebe für andere spürbar werden lassen. Denn Gott wirkt auch im Jetzt. Gerade im Jetzt.








































































































































