01.12.2023
Wenn wir in der Schweiz über die Ukraine sprechen, geht es meistens um Waffenlieferungen, geopolitische Verhandlungen und das grosse Elend des Kriegs. Zoomt man etwas näher heran, so sieht man vielleicht eine kleine Gemeinde in Odessa, die Nothilfe für Geflüchtete und Personen in den befreiten Dörfern im Osten des Landes leistet. Aus dieser Kooperation sind persönliche Kontakte entstanden, die ganz neue Einblicke in die Situation vor Ort ermöglichen: Das Land im Krieg erhält Namen und Gesichter.

Lera (aus Odessa) berichtet:
"Seit Februar 2023 führen wir regelmässig Programme für Teenager in den Gebieten Cherson und Mykolajiw durch. Wir sind mit dem Team in jene ukrainischen Regionen gereist, die zwischenzeitlich von der russischen Armee besetzt waren. Dadurch erfuhren wir mehr über das Leben dieser Teenager. Wir entschieden uns, ein Sommerlager für sie anzubieten, sodass sie für eine kurze Weile rauskommen.

Es kamen Teenager aus den Regionen Cherson, Mykolajiw und Odessa. Viele haben Probleme und erlebten traumatische Situationen, für die sie eigentlich zu jung sind. Sie kommen aus zerrütteten Verhältnissen, manche haben keine Mutter und/oder Vater mehr. Für uns als Team war das sehr herausfordernd. Während der ersten Tage im Lager war es schwierig, einen Zugang zu den Teilnehmenden zu bekommen, die grosse Skepsis gegenüber fremden Personen zeigten. Doch schon bald und insbesondere nach mehreren Kleingruppenzeiten lernten wir uns besser kennen. Die Teenager begannen dem Team ein bisschen zu vertrauen und wir konnten Schritt für Schritt Beziehungen zu ihnen aufbauen.

Das Sommerlager war ein erster und grosser Schritt. Wir sehen, wie Gott wirkt: In uns und in den Teenagern. Wir hoffen, dass ihr Wunsch, mehr über Gott zu erfahren, und ihre Sehnsucht nach seiner Nähe immer mehr wachsen. Wir treffen sie weiterhin einzeln oder in kleinen Gruppen und laden sie zu unseren Treffen in der Kirche ein."
Lera hat als introvertierte Person diesen Sommer drei Freizeitcamps mitgeleitet und viel Herz in die entstehenden Beziehungen gesteckt – auch wenn sie sich nach jedem Camp wieder auf ein paar Tage für sich alleine freut.

Lana (aus Odessa) berichtet:
"Der Krieg traf uns unvermittelt auf unserer Reise zum Flughafen. Zuvor hatte ich meinen Mann davon überzeugt, einen Monat lang zu meinen Eltern nach Georgien (meinem Herkunftsland) zu gehen und von dort aus zu beobachten, wie sich die Situation in der Ukraine entwickelt. Aber dafür blieb keine Zeit. Wir entschieden uns, in der Ukraine zu bleiben.
Einige Wochen später erhielt mein Mann Kostya einen Anruf vom Militär. Er wurde eingezogen und musste in den Krieg. Nach einiger Zeit wurde er sehr nahe an die Grenze zu Russland versetzt. Seine Einheit wurde konstant von Flugzeugen und Helikoptern aus beschossen.
Es gibt mehrere Situationen, in denen Kostya nur durch Gottes wundersames Wirken überlebte. Ein Ereignis möchte ich euch erzählen: Eine Rakete traf genau die Position, auf der er stationiert war. „Glücklicherweise“ war er zu eben jenem Zeitpunkt nicht dort, sondern bei der Poststelle, um ein Paket abzuholen, das ich ihm geschickt hatte.
Wenn uns die Frage gestellt wird, wo Gott in all unserem Leid bleibt, dann antworten wir: Er ist bei uns mitten im Krieg. Er leidet genau wie wir. Und er zeigt sich gerade auch in den schwierigsten Momenten."
Lana ist Georgische Staatsbürgerin und muss ihre Aufenthaltsbewilligung in der Ukraine regelmässig neu beantragen. Seit Februar 2022, so berichtet sie trocken, muss sie dafür immerhin nicht mehr lange Schlangestehen.

Anja (aus Basel) berichtet:
"Als wir von Moldawien über die Grenze in den Süden der Ukraine fuhren, trafen wir auf Sonnenblumenfelder über fein geschwungenen Hügeln, das Glitzern des Schwarzen Meeres in der Ferne – und auf das Gefühl, dass irgendwo auf der Welt nun Menschen sitzen, die sich das Recht herausnehmen, uns mit Artillerie und Drohnen zu beschiessen. Nur, weil wir hier sind. Das Gefühl ist absurd. Wie muss das für die Menschen sein, die hier tagtäglich leben?
Diese Frage beschäftigte uns, Gian-Luca und Anja aus der Schweiz, schon länger. Über unsere Kirchgemeinde in Basel und die Inter-Mission waren wir mit Leuten aus der Holy Trinity Church in Kontakt gekommen. Nach expliziten Einladungen nach Odessa entschieden wir uns, diese Beziehung zu vertiefen. Wir wollten unseren Freunden zeigen, wie wichtig sie uns sind – und zumindest ein bisschen verstehen, wie ihr Alltag aussieht.
Für acht Tage nahm uns das Team der Holy Trinity Church in ihr Leben in Odessa mit. Wir verbrachten Zeit bei gemeinsamen Essen, waren bei einer Lebensmittelausgabe für Binnengeflüchtete dabei, nahmen am Gottesdienst teil und versuchten mit der Jugendgruppe, Pantomime auf Ukrainisch zu verstehen. Für einen Tag fuhren wir in ein zerbombtes Dorf in der Region Cherson: Das Team wird dort ein neues Dach für ein Haus bauen und wollte zuvor noch Absprachen treffen.
Es ist eindrücklich zu sehen, wie sehr der Krieg den Alltag durchdringt: Wenn die Sightseeing-Tour durch die Altstadt zu den Gebäuden führt, in die Bomben eingeschlagen haben; wenn die Soldaten auf den Werbeplakaten in der Stadt nicht für einen Film, sondern für das echte Gefecht werben; wenn dein Coffee-To-Go-Becher mit «Auge um Auge – Zahn um Zahn» beschriftet ist; wenn dein Freund sich beim Abendspaziergang plötzlich unauffällig verdrückt, weil er nicht auf der Strasse für die Armee eingezogen werden will; wenn junge Leute keine Pläne für ihre Zukunft mehr haben, weil der Ausbildung- und Arbeitsmarkt völlig brachliegt.

Unsere Freunde stecken hier selbst mittendrin. Trotzdem geben sie vieles, um kleine Lichter in das grosse Dunkel zu bringen. Dabei gehen sie umsichtig vor, fragen nach den dringendsten Bedürfnis- sen. Ihr Glaube an Gott ist eine hohe Motivation für sie. Gute Gemeinschaft ist sehr wichtig. Das durften wir in dieser Woche selbst erfahren: Es ist unglaublich, wie wohltuend schon eine Tasse warmer Tee und ein normales Gespräch mit einer Freundin sein können, nachdem man mitten in der Nacht durch einen Sirenenalarm geweckt wurde."
Anja & Gian- Luca Schmid suchen seit ihrer Reise im Juli 2023 jedes Foto der Holy Trinity Church, das auf deren Instagram- Kanal oder der Inter-Mission-Website publiziert wird, nach bekannten Gesichtern ab. Sie freuen sich immer riesig, wenn sie eines finden.








































































































































