11.01.2021
Das Rahab Projekt
Traditionen bewahren! Was aber, wenn die Tradition in der Prostitution liegt? In einem Dorf in Indien, in welchem das Sexgewerbe seit Generationen die einzige Einnahmequelle ist, bezahlen die Familien, Mütter, Väter, Kinder einen unglaublich hohen Preis für ihre Lebensart. Die daraus resultierende soziale, psychische und finanzielle Not ist gross - und es gibt keine Alternative. Das Rahab Projekt ist ein Lichtblick im Dunkeln - ein Ausweg aus dem Strudel der Sexgeschäfte.
John S. besuchte das Rahab Projekt in Bihar (Indien) und schickte uns folgenden Bericht:
Ich besuchte das Rahab Projekt zum ersten Mal und reiste dafür in ein abgelegenes Dorf in Bihar. Bei meiner Ankunft traf ich zunächst auf eine Gruppe von Kindern und unterhielt mich ein bisschen mit ihnen. Als ich später mit dem Leiter des Projektes sprach, realisierte ich, dass sie alle Kinder von Prostituierten waren. Das ganze Dorf hat sich der Prostitution verschrieben. Das Sexgewerbe ist die einzige Einkommensquelle dort. Die Mütter zwingen ihre Kinder zur Prostitution. Die Mädchen und Frauen arbeiten als Tänzerinnen auf Hochzeiten und bieten abends ihre Dienste an.
Diese Art von Prostitution hat einen geschichtlichen Hintergrund. Die Vorfahren der Frauen waren Konkubinen der einstigen Könige. Mit dem Niedergang dieser Herrscher verloren die Frauen ihren Stand und da sie keine Ausbildung hatten, boten sie ihre Dienste der Bevölkerung an.
Wenn ich an die Kinder zurückdenke, mit denen ich mich unterhalten habe, kann ich mir kaum vorstellen, dass diese 4-6-jährigen wehrlosen Kinder in einem Bordell zuhause sind und täglich Zeugen von Missbrauch und Gewalt werden. Sie leben in engen Verhältnissen, während die Mütter ihre Freier bedienen. Das ist definitiv kein guter Ort für kleine Kinder. Sie kennen ihre Väter nicht, die Mütter wissen nicht, wer sie gezeugt hat. Aufgewachsen bei ihrer Mutter werden die Mädchen, sobald sie die Pubertät erreichen, dazu angehalten, im Sexgewerbe Geld zu verdienen. Vielen von ihnen werden heimlich Drogen verabreicht, damit sie länger arbeiten und mehr Freier bedienen können. Die Kleinen schlafen nachts dort, wo ihre Mutter arbeitet und werden oft auch Opfer von Pädophilen. Es betrübt mich sehr, wenn ich an diese Mädchen denke, die schon in zartem Alter ihre Unschuld verlieren. Sind sie einmal im Sexgewerbe, ist es fast unmöglich für sie wieder herauszukommen, selbst wenn sie sich das wünschen.

Prostitution ist offiziell illegal in Indien. Trotzdem gibt es in Bihar viele solcher Dörfer, die von der lokalen Polizei geduldet werden. In Bihar allein leben über hunderttausend Kinder von Prostituierten. Da sind die wenigen Kinder im Programm nur ein kleiner Tropfen im riesigen Ozean. Doch selbst der grosse Ozean besteht aus vielen kleinen Tropfen.
Das Rahab Projekt von GEMS gibt diesen Kindern eine neue Perspektive und führt sie von der Prostitution und dem damit verbundenen Elend weg. Die Inter-Mission unterstützt etwa 140 Kinder in diesem Projekt. Es ist sehr herausfordernd, ihnen ein anderes Umfeld zu geben, denn sobald sie die Pubertät erreichen, wird der familiäre Druck unwahrscheinlich hoch, da sie in diesem Gewerbe verhältnismässig viel verdienen: Geld, das der Familie zukommt.
Aus diesem Grund werden die Mädchen bzw. jungen Frauen an einem anderen Ort untergebracht, der für sie eine sichere Umgebung bietet. Hier wurden - unter anderem mit Hilfe der Inter-Mission - zwölf Wohnungen erstellt, wo jeweils vier Mädchen gemeinsam mit einer erwachsenen Begleiterin leben. Aufgrund des Hintergrundes der jungen Frauen und der Vorgeschichte werden die Betreuerinnen mit grosser Sorgfalt ausgewählt und auf ihren Einsatz vorbereitet.
Zuerst lebten 12 Mädchen in diesen Wohnungen. Militante Hindus wollten gegen dieses Programm vorgehen und brachten Missbrauchsvorwürfe und andere Verleumdungen vor. Das ganze Programm war dadurch stark gefährdet. Gott sei Dank hat sich der Sturm aber verzogen und aktuell leben rund 40 junge Frauen in diesen geschützten Wohngemeinschaften.
Die Jugendlichen erhalten Seelsorge und erlernen berufliche Fertigkeiten oder erhalten eine gute Schulbildung und besuchen ein College. Viele arbeiten in einer Nähwerkstatt, das auch zum Programm gehört. Ein Mädchen besucht aktuell eine Bibelschule. Ziel ist es, dass sie eine gute Arbeitsstelle ausserhalb des Dorfes finden. Vielen gelingt dies.
Auf dem Heimweg gingen mir die Bilder wieder und wieder durch den Kopf und stimmten mich sehr nachdenklich. Wie viele Dinge sind in meinem Leben so selbstverständlich: Ein Dach über dem Kopf, eine Schulbildung, eine Arbeitsstelle, drei Mahlzeiten pro Tag und vieles mehr. Ja, manchmal beklage ich mich sogar über diese Dinge, von denen andere nur träumen können. Mein Besuch lehrte mich wieder neu, auf die unzähligen Dinge zu achten, für die ich so dankbar sein kann.








































































































































